2010-02-08, 04:49pm Hubert AchermannNach vier intensiven Tagen ist mein "Seitenwechsel" am Samstag zu Ende gegangen. Ich empfinde grosse Dankbarkeit, dass ich all dies erleben durfte. Die "Steinhof-Erfahrung" hat mich verändert: sie hat mir nicht nur die Augen, sondern auch mein Herz für einen mir in dieser Art nicht bekannten und erlebten Aspekt der menschlichen Existenz geöffnet ...More
Nach vier intensiven Tagen ist mein "Seitenwechsel" am Samstag zu Ende gegangen. Ich empfinde grosse Dankbarkeit, dass ich all dies erleben durfte. Die "Steinhof-Erfahrung" hat mich verändert: sie hat mir nicht nur die Augen, sondern auch mein Herz für einen mir in dieser Art nicht bekannten und erlebten Aspekt der menschlichen Existenz geöffnet. Kein Bericht kann wiedergeben, was ich in dieser kurzen Zeit alles erfahren und mitnehmen durfte. Ich empfehle Euch allen, die diese paar Zeilen liest, auch mal die Seite zu wechseln.....die Welt sieht auf der anderen Seite doch ganz anders aus. Und erst diese Einsicht erlaubt einem eine abgerundetere und vollständigere Sicht des Lebens. Und wir werden bescheidener und dankbar: für unsere Freiheit, uns selbst zu bestimmen und alle unsere Fähigkeiten noch immer nutzen zu können.
Ich habe beschlossen, den Menschen des "Steinhofes" treu verbunden zu bleiben: sie zu besuchen, das eine oder andere mal an ihren Anlässen teilzunehmen, sie mal auszuführen, mal in's KKL zu einem Konzert einzuladen und vieles mehr, was Freude bereiten kann. Der Abschied von den Bewohnern fiel mir schwer, sie sind mir vertraut und lieb geworden. Und das Team der Betreuer/innen hat mich zu tiefst beeindruckt: Tag für Tag leisten sie eine unglaublich wertvolle Arbeit. Und jetzt will ich schweigen. Wer mehr wissen will, soll sich dazu durchringen, auch mal die Seite zu wechseln."
2010-02-05, 12:28pm Hubert AchermannIch lerne mit einem völlig anderen Arbeitsrhythmus umzugehen: die Bewohner und ihr Tagesablauf diktieren den Verlauf der Arbeit. Sie haben alle ihren eigenen Plan für ihren Tag und die Arbeit des Pflegepersonals folgt ihm: vom Weckdienst über die morgendliche Körperpflege bis hin zum Frühstück eingeben. Ich hatte keine Ahnung, wie aufwendig e ...More
Ich lerne mit einem völlig anderen Arbeitsrhythmus umzugehen: die Bewohner und ihr Tagesablauf diktieren den Verlauf der Arbeit. Sie haben alle ihren eigenen Plan für ihren Tag und die Arbeit des Pflegepersonals folgt ihm: vom Weckdienst über die morgendliche Körperpflege bis hin zum Frühstück eingeben. Ich hatte keine Ahnung, wie aufwendig es für jemandem im Rollstuhl ist, sich zu duschen - wie leicht und mühelos ist das doch für uns!
Die Langeweile ist hier ein grosses Thema, und somit ist jede Abwechslung willkommen: ein Schwatz, ein bisschen vorlesen, ein Ausflug im Rollstuhl in die Cafeteria... all das macht das Leben für unsere Bewohner hier ein wenig abwechslungsreicher. Und da sind die kleinen Berührungen - eine Hand streicheln, über's Haar fahren - und das Lächeln bei jeder Tätigkeit, welche so viel Dankbarkeit auslösen. Ab und zu spüre ich auch Zurückweisung, lautstarken Protest, oder eine abfällige Handbewegung. Das muss ich wegstecken lernen. Ich bewundere die Langmut und Geduld des Pflegepersonals hier. Das beeindruckt, und man könnte davon lernen.
Es war ein schöner Tag und ich durfte viel erleben. Den KPMG Alltag ganz fernzuhalten jedoch, war heute eine Herausforderung. Aber genau das muss man hier können, denn die Bewohner, ob geistig noch fit oder dement, spüren es unglaublich schnell, wenn man mit den Gedanken kurz irgendwo anders ist und dies bringt sofort Unruhe. Ich freue mich auf den dritten Tag.
2010-02-04, 11:20am Hubert AchermannMein erster Tag begann ganz anders als ich mir das vorgestellt habe: kaum im "Steinhof" eingetroffen, war ich mit der Endlickeit unseres Lebens konfrontiert. Der Tod einer mir sehr an's Herz gewachsenen und von mir verehrten Person in der Nacht zuvor traf mich sehr. Ich habe mir fuer meinen "Seitenwechsel" vorgenommen, ihr meine ganz besondere Auf ...More
Mein erster Tag begann ganz anders als ich mir das vorgestellt habe: kaum im "Steinhof" eingetroffen, war ich mit der Endlickeit unseres Lebens konfrontiert. Der Tod einer mir sehr an's Herz gewachsenen und von mir verehrten Person in der Nacht zuvor traf mich sehr. Ich habe mir fuer meinen "Seitenwechsel" vorgenommen, ihr meine ganz besondere Aufmerksamkeit zu schenken und ihr ein wenig Freude zu bereiten.
Die Begegnungen im Verlaufe des Tages mit alternden, kranken und auch behinderten jungen Menschen haben mich sehr beruehrt und mir Aspekte unseres Lebens nahe gebracht, welche in meinem Alltag stets an den Rand gedraengt werden. Effizienz und Funktionieren stehen in dieser Welt des "Steinhofs" nicht mehr im Vordergrund. So ist der Ton, die Bedeutung der Zeit ganz anders als im meinem alltaeglichen Leben. Hektik und rennen sind nicht zu finden. Geben und zuhoeren, etwas schenken - und sei es eine Kleinigkeit wie einer MS Patientin das essen zu reichen und geduldig jeden Bissen vorzubereiten....das dankbare Laecheln befluegelt fuer einen ganzen Tag!
Es war ein Tag voller neuer Erfahrungen, voll von Hoch's und Tief's, aber sehr bereichernd und wertvoll. Trotz anfaenglicher Bedenken, wie ich denn mit all dem umgehen wuerde, bin ich dankbar, dass ich diese Gelegenheit erhalten habe. Und jetzt bin ich muede. Der Tag beginnt morgen um O6.45.
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